Vor ein paar Tagen haben wir unsere Wäsche waschen lassen. Dazu muss man diese nur in einen dafür vorgesehenen Baumwollbeutel stopfen, auf das Bett legen und etwa einen Tag warten, bis alles wieder zurückkommt. Doch inzwischen hat Verena sogar eine Laundrette entdeckt, wo der bedürftige Reisende seine Wäsche selber machen kann. Da gehen wir jetzt erst mal hin und oh Wunder, nach nur fünf Minuten Wartezeit ist eine Maschine frei und wir nehmen sie sofort in Beschlag.

Heute ist für die Mittagszeit Kulinarik auf höchstem Niveau angesagt! Der Chef-Sommelier des Schiffs hat in Zusammenarbeit mit dem Küchenchef Klaus Kremer ein Programm zusammengestellt, bei dem auf höchste Qualität und ein ausgewogenes Zusammenspiel zwischen Getränken und Essen geachtet worden ist. Das Resultat sieht dann auf dem Papier so aus:

Der Anlass ist für eine maximale Anzahl von 60 Teilnehmenden ausgelegt, was für ein intimes Tête-à-Tête sorgt. Wir sitzen mit drei Deutschen an einem Tisch, einem Pärchen und einem Alleinreisenden.

Der ältere der beiden ist bereits 79, aber voll im Saft, hat mit 63 angefangen, seinen ersten Marathon zu laufen und kann nur deshalb bei Triathlons nicht (mehr) mitmachen, weil ihn ein Problem in der Hüfte daran hindert. Er macht den Eindruck eines weitgereisten, staatsmännischen, aber dennoch bescheiden gebliebenen Unternehmers, der sich in Weinfragen ganz offensichtlich wesentlich besser auskennt als wir, die wir Bachus nur aus Lust am Genuss huldigen. Dem humanistischen Anspruch an Kultur werden verschiedene Kenner auf ihrem jeweiligen Gebiet gerecht, die vor jedem neuen Durchgang Wissenswertes und Interessantes zu den anschliessend aufgetischten Gewächsen erzählen. Viel bleibt davon allerdings leider nicht hängen, da wir die Vortragenden einerseits nicht immer reibungslos verstehen und wir anderseits schon längst zu munterem Geplauder übergegangen sind und uns dabei äusserst wohl fühlen.

Es ist nicht nur der Wein, der Zunge und Herzen öffnet, auch das Essen schmeckt hervorragend,

zudem ist es sehr reichlich und als der Event etwa um 15 Uhr zu Ende geht, wäre ein Nickerchen genau das Richtige. Mit letzter Kraft kann ich mich allerdings dagegen wehren und reihe mich in die grosse Gruppe Sportler ein, die auch jetzt wieder das Schiff auf Deck 7 umkreisen. Mein Ziel ist es, 6 Runden, also 3.3 km, zu schaffen, und zwar bei heftigstem Wind, der uns alle erbarmungslos zwischen Schiffswand und Reling hin- und her taumeln lässt, uns in die Höhe hebt, als wären wir schwerelos und ohne Ankündigung gleich darauf auf die Planken zwingt, ohne dass Gegenwehr allzu viel nützen würde. Ärgerlich sind die paar wenigen Querulanten, die entgegen der allgemeinen Laufrichtung unterwegs sind und die man nur auf den langen Geraden rechtzeitig entgegen kommen sieht, nicht aber in den scharf angegangenen Kurven in Bug oder Heck des Schiffes. Und so geschieht das Unvermeidliche: meine fast 100 kg Lebendgewicht, die mit immer grösserem Ehrgeiz und Elan angetrieben daher geschossen kommen, prallen mit etwa 130 kg gegnerischer Masse zusammen, die ebenfalls mit hoher kinetischer Energie auf mich zusteuert, eine Streifkollision zwar nur, die aber dennoch reicht, den Gegner mit voller Wucht an die Reling zu schleudern, wo er mit Verzweiflung, aber bescheidenem Ergebnis, versucht, sich vor dem Hinabstürzen in die giftig zischenden Fluten mit ihren züngelnden Wellen zu retten, dabei kopfvoran in eines der zahlreichen Rettungsboote schiesst, sich zweimal um eine Stange windet und dann reglos liegen bleibt. Auf dem Rücken seines Trainingsanzuges prangt riesengross der grössenwahnsinnige Aufdruck „Instructor“.

Dergestalt körperlich ertüchtigt, nehme ich eine Dusche und wir machen uns bereit für unser daily meeting mit Max und Annemarie im Commodore Club. Weil der Geist der zuvor genossenen Weine schon längst wieder verflogen ist, gönnen wir uns zwei San Miguels, die übrigens immer zusammen mit grossen Oliven, Sushi und Knabberzeug angereicht werden. Wir entscheiden uns dafür, das Abendessen heute sausen zu lassen, da wir noch keinerlei Hungergefühl verspüren und seit heute irgendwie auch die Verdauung langsam wieder in Gang zu kommen scheint, was wir nicht torpedieren wollen. Max hat einen Löwen aus der Bibliothek mitgebracht, wenigstens ein Buch, in dem es darum geht, dass jemand aufwacht und plötzlich einen Löwen sieht, der für andere aber unsichtbar ist. Ich glaube, das Buch ist ziemlich bekannt und vielleicht werde ich es mir auch einmal antun. Ich finde es auch schön, dass der Herr Deutschlehrer nicht nur hochgeistige Bücher liest, sondern auch solche mit einem gewissen Unterhaltungswert. Und ich bewundere seine Garderobe – einmal mehr trägt er ein schickes, aber nicht überkandideltes Oberteil, das mir wahrscheinlich auch ganz gut stehen würde.

Damit sich unsere Freunde vom Dinnertisch keine unnötigen Sorgen machen und befürchten müssten, wir seien über Bord gegangen, eile ich die Treppen sechs Decks tiefer (wir nehmen fast nie denn Lift, aus sportlichem Ehrgeiz, der auch von der Sports-App des iPhones bestätigt wird) und ich teile ihnen mit, dass sie heute leider auf unsere Gesellschaft verzichten müssen, was sie ausserordentlich bedauerlich finden. Sandie (das ist ihr korrekter Name, wie ich heute erfahre), hat sich von einer deutschen Passagierin das „Bread And Butter Pudding“-Rezept übersetzen lassen und für Verena auf ein Kärtchen gepinselt, zusammen mit eigenen Zeichnungen. Das finde ich schon sehr lieb und aufmerksam von ihr.

Weil wir das so gewohnt sind, stellen wir die Uhren wieder um eine Stunde zurück und fallen alsobald in einen tiefen, ruhigen Schlaf, derweil die Haie heulen und die Wale beissen.