24. September 2019

Nein, wir sind beide keine begeisterten Frühaufsteher. Verena ist das abrupte Emporschnellen aus den weichen, warmen Federn wegen ihrer Frühschichten zwar noch eher gewohnt als ich, aber so richtig toll findet auch sie das nicht. Aber egal, was hilft’s – es muss jetzt sein, denn immerhin haben wir über ein Jahr auf diesen grossen Moment gewartet. Und es klappt auch tatsächlich ohne Probleme (wir liegen ja auch schon seit längerer Zeit halbwach und mucksmäuschenstill auf den Matratzen). Die Kätzchen machen gute Miene zum bösen Spiel (sie werden uns dafür ein paar Tage lang mit Nichtbeachtung strafen, wenn wir wieder zurück sind, stellen sich uns aber immerhin nicht in den Weg). Natürlich muss genau an diesem Morgen noch eine kleine, süsse Maus ihr Unwesen in der Küche treiben, aber nach ein paar hilflosen Versuchen, diese einzufangen (durch beherztes Darüberwerfen eines Küchentuches) lasse ich meine lächerlichen Versuche bleiben und hoffe insgeheim, sie würde von Merlin oder Mauk möglichst bald gefressen werden, damit ich vor unserer Abreise die Reste noch wegwischen könnte. Da sie aber plötzlich, mit einem Schlag, nicht mehr zu finden ist, rede ich mir ein, sie hätte es irgendwie geschafft, durch die geöffnete Haustür zu entkommen und weihe Verena gar nicht erst ein in mein furchtbares Geheimnis. Allerdings hoffe ich inständig, das Pelztier habe nicht irgendwo in der Spülmaschine ein Plätzchen gefunden, denn der bestialische Gestank, den eine tote Maus, aufgeweicht im Spülwasser, verbreitet, ist mir nur noch allzu gut in Erinnerung und ich hoffe jetzt einfach mal, dass sich Suzanne nicht mit diesem unerfreulichen Thema konfrontiert sehen wird.

Wir schaffen es, sogar zwei Trams früher als geplant loszufahren und wir sind 20 Minuten später auch tatsächlich schon am Flughafen.

So leere Trams sieht man in Zürich eher selten …

Ab mit den beiden Koffern auf die Rollbänder und schon dürfen wir Stau stehen für den Security Check. Alles paletti, diesmal muss ich nicht einmal den Gürtel abnehmen und Verena bemerkt, dass ihr ein ebensolcher genau jetzt ganz dringlich fehlt. Doch die Kraft meiner guten Argumente bewirkt erfreulicherweise, dass wir die Suche nach diesem absolut unentbehrlichen Accessoire auf irgendwann später verschieben.

Wir sind bereit!

Na gut, um 7:20 Uhr wären wir eigentlich startklar, aber der Herr Baumann oder Bindschädler aus dem Piloten-Cockpit klärt uns darüber auf, dass in Hamburg garstiger Nebel liege und wir erst noch zusätzlichen Treibstoff tanken müssen, um einen gepflegten Umweg fliegen zu können, der uns zu guter Letzt früher als geplant ans Ziel führen würde. Natürlich (das weiss jeder) wird das niemals der Fall sein (diese Annahme sollte sich als korrekt herausstellen), aber als Passagier ist man ja wehrlos. Ganz besonders trifft dies auf vermindert flugbegeisterte Passagiere zu, die es schätzen, wenn sie nicht mit technischen Spezialitäten verängstigt werden und sich nicht Sorgen darum machen möchten, ob denn der zusätzlich getankte Sprit auch tatsächlich reichen wird und ob dieser auch wirklich von ausreichender Qualität sei und nicht etwa aus betriebswirtschaftlichen Gründen ein bisschen gepanscht. Nervig auch immer der väterliche Ton aus dem Cockpit, der dünnhäutige und laienhafte Passagiere wie mich ganz offensichtlich präventiv in Sicherheit lullen soll, derweil die späteren Anweisungen an die Cabin Crew  immer dermassen professionell dahergepeitscht aus den Lautsprecherchen scheppern, dass allfällige Zweifel an der aviatischen Qualität der Besatzung augenblicklich schon fast ein schlechtes Gewissen verursachen. Doch wie sich zeigt, wären diese auch grundsätzlich nicht angebracht gewesen: der Captain, der Copilot und auch der Maître de Cabine, der immer wieder gern etwas ins Mikrofon nuschelt, lenken unsere C-Klasse Bombardier-Maschine ohne jedes Problem nach Hamburg, wo wir nach einem sanftzarten Flug und einer butterweichen Bilderbuchlandung gegen 10 Uhr ankommen.

Nun ist der Moment der Bewährung für Verena gekommen, denn sie hat am Vorabend ausbaldowert, wie wir am besten zu unserem Schiff gelangen. Das gestaltet sich recht einfach: mit der S1 bis zu den Landungsbrücken fahren, dann die Fähre Nummer 73 besteigen und mit dem auch dafür gültigen Ticket zum Cruise Center Steinwerder tuckern. Wie liebe ich doch den abgestandenen Geruch von Seetang, Diesel und Brackwasser als Hintergrund zum Gekreisch der Möwen und dem Hupen der Schleppkähne, dem Scheppern von verrosteten Eisenketten und dem entfernten Gebrumm der sich immer weiter entfernenden Grossstadt. Natürlich ist die Elbphilharmonie noch immer ein grosser Anziehungspunkt – sie zieht erhaben und majestätisch an uns vorbei und wir erneuern einmal mehr unseren Wunsch, hier auch einmal ein Konzert erleben zu wollen. Und wir verzeihen der Stadt Hamburg grosszügig die leichte Überschreitung des ursprünglich zum Bau dieses Kunstwerkes vorgesehenen Budgets.

Es riecht nach Hafen und Abenteuer

Nach einem rund 15-minütigen Fussmarsch (zum Glück ist uns der Hamburger Wettergott günstig gestimmt) durch eher weniger würdevolle Industriebrachen und alte Gleisanlagen erreichen wir einen letzten Ausläufer der weitverzweigten Hafenanlagen und – da steht sie! Die Queen Mary 2, oder von Experten liebevoll QM2 genannt, ragt urplötzlich vor uns in den Himmel auf,

zurückhaltend beschriftet zwar, aber unübersehbar königlich – und jetzt sehen wir auch die vielen Reisenden, die zu Fuss oder bequem im Taxi dasselbe Ziel wie wir zu haben scheinen. Unser Gepäck wird uns von zwei Cunard-Angestellten fast schon aus der Hand gerissen und – so hoffen wir – an den richtigen Ort gebracht, derweil wir in eine riesige Halle mit Tausenden wartender Schiffspassagiere gelangen, wo wir uns erst einmal bei einem Gläschen weissen Weines ausruhen und das Treiben um uns herum beobachten wollen. Kontaktfreudig wie wir sind setzen wir uns zu einem Pärchen aus Bayern, die etwa in unserem Alter sind und die wir nach kurzer Zeit schon sehr sympathisch finden.

Wir tauschen mit Annemarie (Psychotherapeutin) und Max (ehemaliger Lehrer) unsere Telefonnummern aus, um später auf dem Schiff vielleicht wieder miteinander in Kontakt kommen zu können und stellen uns ein weiteres Mal in eine lange Schlange ungeduldig anstehender Reisender. Nach etwa einer Stunde ist aber alles geschafft, wir haben unsere Schiffs-ID-Karte, mit der später unser Kreditkartenkonto belastet wird (Bargeld wird es auf dem Schiff nur in Ausnahmefällen geben) und die gleichzeitig auch der elektronische Schlüssel für unsere Kabine, was sage ich, unserem Stateroom, sein wird.

Zugegeben: von aussen habe ich die QM2 gar nicht einmal als soooo riesig empfunden, vielleicht, weil wir das Schiff in der Zwischenzeit schon so oft gesehen haben, dass wir uns an Übergrössen schon etwas gewöhnt haben. Aber jetzt, wo wir in der Grand Lobby, dem zentralen Treff- und Sammelpunkt des Schiffes stehen und der Blick nach oben sich fast in der Unendlichkeit verliert, bekommen wir einen ersten Eindruck davon, wie grosszügig hier alles ausgelegt ist.

The Grand Lobby

Die Neuankömmlinge werden mit einem Bach-Konzert dreier Musikanten empfangen, überall hetzen Angestellte auf und ab und es herrscht ein reges, aber fast unhörbares Treiben.

Die Gänge sind mit dicken Teppichen ausgelegt, an den Wänden hängen Gemälde und Skulpturen mit Darstellungen aus imperialistischen Epochen, die hier zu neuem Leben erweckt worden sind, alles ist hell, aber nicht grell beleuchtet und wir finden mühelos zu unserem Stateroom 6167 auf Deck 6, vor dem doch tatsächlich die beiden Koffer stehen, die wir vor ein paar Stunden uns unbekannten Männern übergeben haben. Die ID-Karte funktioniert – und wir stehen das erste Mal in unserem Zimmer, das für die nächsten neun Tage unser vorübergehendes Zuhause sein wird.

Es ist schätzungsweise 2.5m breit und knapp 6m lang, also ca. 15 Quadratmeter gross (Bad inklusive), was doch ganz ordentlich ist. Und es ist alles da: genügend Einbauschränke, Kühlschrank, Stromsteckdosen (britische und amerikanische), natürlich summt eine einfach einstellbare Klimaanlag (die sich aber nicht ganz abstellen lässt) vor sich hin und die Betten machen einen kolossal bequemen Eindruck. Die Matratzen sind weich, geben aber trotzdem einen guten Halt, es sind überall Spiegel eingebaut, die einerseits sehr praktisch sind beim Zurechtmachen fürs Abendessen, wo schicke Kleidung erwartet wird und anderseits den Raum optisch vergrössern. Und wir haben einen kleinen Balkon, von dem aus wir über das Meer blicken und der Sonne beim Schlafengehen zuschauen können. So, zuerst einmal checke ich die Internetverbindung – noch klappt natürlich die übliche Mobilfunkverbindung, aber bald wird diese nicht mehr zur Verfügung stehen. In einer Bordbroschüre sehe ich die Tarife für eine WLAN-Verbindung. Sie sind zwar mit 15$/30 Minuten deutlich billiger als befürchtet, es wird aber darauf hingewiesen, dass die Geschwindigkeit stark schwanken kann und mit dem gewohnten Speed zuhause (noch) nicht mithalten kann. Ich will kein WLAN.

Wir können uns noch ein Weilchen auf dem Balkon ausruhen und entdecken auch weniger überzeugende Elemente:

Dann ist schon Zeit fürs Abendessen, das um 18:00 Uhr beginnt. Wir haben uns für einen 6-er-Tisch angemeldet, wo wir jetzt zu siebt sitzen. Eigentlich hatte ich ja befürchtet, dass wir jedes Mal Schlange stehen und das eine tolle britische Eigenart finden müssen, aber nichts davon ist wahr.

Wir werden von gefühlten 15 schick gewandeten Kellnern bedient, die uns jeden Wunsch von den Lippen ablesen. Die Menüauswahl ist reichlich und meine Ente schmeckt hervorragend.

Dazu kommt, dass die Weinauswahl riesengross ist und die Preise im Vergleich zu helvetischen sehr vernünftig. Wir bestellen eine Flasche französischen Weisswein für 43$, den wir aber nicht am selben Abend austrinken müssen, sondern für den nächsten Tag zurückstellen können. Unterdessen hat Maria ihre Motoren angeworfen, ein kaum wahrnehmbares Vibrieren rollt durch den grossen Esssaal (Britannia genannt) und die Queen Mary 2 bewegt sich mit rund 10 Knoten die Elbe hinunter Richtung Nordsee. Die Unterhaltung mit unseren neuen Essfreunden gestaltet sich völlig unkompliziert und lustig. Mit Ausnahme von uns beiden kommen alle aus Deutschland. Ein Pärchen, etwa gleich alt wie wir, stammt aus Bonn, wobei der weibliche Part in Meckenheim aufgewachsen ist, also der gleichen Stadt, aus der auch Verena ursprünglich kommt. Und da sind noch die beiden älteren Herrschaften, die mit ihrer Tochter, welche verbeamtete Lehrerin ist, unterwegs sind. Von den beiden erfahren wir relativ wenig, was durchaus daran liegen mag, dass wir sie nicht gleich am ersten Abend mit Fragen löchern wollen, denn sie machen einen äusserst gebildeten, zurückhaltenden und gepflegten Eindruck und da dürfen wir doch nicht unangenehm auffallen mit unangemessenen Verhören … wird schon noch. Der Bonner erinnert mich stark an den Tatort-Kommissar, der mit Börne zusammen arbeitet und dessen Vater Taxifahrer ist. Als Einziger ist er unkrawattiert und hat ein ähnliches Auftreten wie sein Kollegah aus dem Fernsehen. Eine gemütliche Runde, die sich aber nach etwa einer Stunde bereits wieder auflöst, denn eine Seefahrt ist nicht nur lustig, sondern macht auch müde.

Uns natürlich nicht. Wir stehen zwar auch auf, lenken unsere Schritte aber zum Deck 7. Was uns schon vorher aufgefallen ist, bestätigt sich erneut: die vielen Passagiere verteilen sich so gut auf dem grossen Schiff, dass es nirgends auch nur den Hauch eines Gedränges gibt.

Am Ziel angekommen kann man in der lauen Abendluft draussen sitzen und das Ufer an sich vorbeiziehen lassen, es ist unglaublich romantisch und wunderschön.

Unterdessen sind an Land überall die Lichter angegangen und wir schalten unsere beiden fernsteuerbaren Lampen zuhause via MyStrom-App aus (toll, dass das funktioniert!) und geniessen noch ein paar San Miguels,

bevor wir gegen 23:00 Uhr ebenfalls in die Betten sinken, zum ersten Mal auf der QM2!